Wir alle haben Ideale und müssen immer wieder feststellen, dass sich deren Verwirklichung als Illusion erweist. Am schmerzhaftesten ist das dann, wenn wir selbst es sind, die diese Verwirklichung nicht leisten können. Das bringt das Lebensgefühl des Versagens – eine Erfahrung, die sich gerade im religiösen Bereich immer wieder findet.
Auch Martin Luther hat sie gemacht, als er dem Indeal eines Gerechten vor Gott entsprechen wollte. Er scheiterte. Schließlich aber machte er seine zentrale Entdeckung, in der er die „Gerechtigkeit“ von einer ganz anderen Seite her sehen konnte: Es geht nicht darum, alle Gebote exakt zu erfüllen und vorschriftsgemäß gute Werke zu tun, vielmehr besteht die »Gerechtigkeit« Gottes im Opfer Christi, das den Menschen, den alten Adam verwandelt.
Luther entdeckt im Brief des Paulus an die Römer eine andere Idee von Gerechtigkeit als die, die am Ende nur in einer Ökonomie des Belohnens und Bestrafens besteht. Gerecht ist vielmehr der, der ganz aus dem Gottesbezug lebt. »Der Gerechte wird aus Glauben leben« las er im Römerbrief (1,17). Es geht nicht um Leistung, sondern um eine Lebensgewissheit.
Vielleicht kommt es auch in unserer Gesellschaft darauf an, ein ganz anderes Lebensgefühl des verantwortungsvollen Getragenseins zu entwickeln. Dabei kann ein Scheitern zu einer heilsamen Desillusionierung im Hinblick auf das Ideal des Erfolgreichseins führen. Solange Leistung und gute Werke das Programm sind, mit dem man sich vor sich selbst zu optimieren sucht, ist das nicht erreicht, was als innere Ruhe und Zuversicht in eine neue Lebensweise führt, in der dann, wie Luther sagt, das Gute »mit Lust und Liebe« getan wird. –
Das ist vielleicht erst das eigentliche Ideal, bei dem wir uns gewiss weiterhin fragen müssen, wie es dazu kommt, dass es sich erfüllt. Zu einem Nachdenken unter anderem hierüber soll das Aprilheft der „Christengmeinschaft“ anregen.








