Er steht uns noch bevor: der Sommer, die Hauptreisezeit. Das, wonach man sich sehnt und worauf man sich monatelang freut. Was sind unsere Ziele – sowohl im Äußeren als auch im Inneren? Für unterwegs oder zu Hause möchten wir mit unserem Sommerheft zu Ausflügen in diese freie Zeit der Entdeckungen und des Besinnens einladen.
Schritte über die Erde hin, Schiffsreisen auf Flüssen, Seen und Meeren, Flugreisen und Reisen in unbekannte, geistige oder Welten der Phantasie: Immer ist es ein gewagter Aufbruch in unbekannte Abenteuer. Es folgt eine leichte, beschwerliche, glückliche oder tragische Zeit, in der wir weder hier noch dort, sondern unterwegs sind. Und es gibt immer ein Ziel, selbst wenn wir nach innen reise oder uns jeden Tag neu orientieren, wollen wir irgendwo ankommen und eine Zeit bleiben.
12 Autorinnen und Autoren haben uns Reiseberichte eingesandt. Als Bericht oder Tagebuch, aus der Erinnerung oder im Gespräch, im Nachvollziehen von Reisen mehr oder weniger bekannter oder berühmter Persönlichkeiten.
Matthias Disch schreibt von seinen Reisen in den Nahen Osten unter anderem folgende Zeilen:
Manchmal braucht es den Mut des ersten Schrittes. Alles Weitere ergibt sich dann von selbst. Aus dem ersten Schritt erwachsen alle anderen. Und wagen wir den einen, mag Gott den Rest hinzufügen. So ging es mir mit dem Libanon. Plötzlich öffneten sich Türen und führte mich mein Weg auf den Spuren unserer christlichen Brüder und Schwestern weiter gen Norden, gen Osten, der Sichel des fruchtbaren Halbmondes entlang bis nach Mesopotamien. Dort begegnete ich dann wieder 2.700 Jahren jüdischer Geschichte, begegnete den jüdischen Wurzeln des Christentums und erfuhr, dass jüdisch-christliches Zusammenleben ein ganz anderes und besseres Fundament haben kann als viele in Europa meinen.
Sophia Vietor schreibt unter dem Titel »Mit Rilke unterwegs« diese Passage über des Dichters Reisen:
Zu der Zeit, als Rilke Ägypten besuchte, war der langgestreckte Tierkörper der Sphinx noch von Wüstensand bedeckt, und nur das gewaltige Haupt schaute heraus. Immer wieder versanken Tempelanlagen in den Sandstürmen, die von der Sahara herüber wehten. Manches wurde dadurch konserviert, anderes abgeschliffen, von späteren Generationen überbaut oder abgetragen. Der Verfall der Monumente entging auch Rilke nicht, und er suchte nach einer Möglichkeit, die Zerstörung als »unbeschienene Seite des Lebens« zu bejahen und poetisch zu verwandeln. In dem oben genannten Brief an Hulewicz deutet Rilke an, dass nur durch Bejahung des Todes die Unendlichkeit des Lebens erfahren werden könne: »Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete, das Blut des größesten Kreislaufs treibt durch beide: es gibt weder ein Diesseits noch Jenseits, sondern die große Einheit, in der die uns übertreffenden Wesen, die ›Engel‹, zu Hause sind.«








