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Ildikó Enyedi

Silent Friend (DVD)

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Drei Leben, drei Epochen, ein Baum – eine leise Geschichte über Verbindung und Sehnsucht.

Ildiko Enyedi: Silent Friend - Layout

Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen.

2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong (Tony Leung), der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum.

1972 erfährt ein junger Student (Enzo Brumm) eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 

1908 folgt die erste Studentin der Universität (Luna Wedler) ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.

„„Zarte Empirie“ – zarter Empirismus. Dieser Begriff Goethes für partizipative Wissenschaft, bei der der Forscher kein gottgleicher objektiver Beobachter ist, sondern ein fester Bestandteil des Experiments, beschreibt am besten, womit sich unsere menschlichen Protagonisten Tony, Grete, Hannes und Gundula beschäftigen. Sie tun dies mit der naiven, leidenschaftlichen Neugier eines echten Wissenschaftlers.“ – Ildikó Enyedi

In den stillen Versuchen der Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht. 

„Bei einem Baum handelt es sich um ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmungswelt, die genauso gültig und wichtig ist wie diejenige der Menschen. Da wir die Grenzen unserer Wahrnehmung nicht überschreiten können, habe ich mich dafür entschieden, durch drei Begegnungen, drei Zusammenstöße, drei unvollkommene und eher unbeholfene Versuche mit der Welt jenseits des menschlich Wahrnehmbaren in Verbindung zu treten.“ – Ildikó Enyedi

Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner ‚Körper und Seele“ (2017) präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird.

Stimmen zum Film: 

„Silent Friend beschwört eine sinnliche Beziehung von Mensch und Natur. Ein betörendes Filmgedicht.“ – Frankfurter Rundschau

„Ein Film von monumentaler Dimension, trotzdem fühlt er sich leicht und selbstverständlich an. Ein Meisterwerk!“ – Filmstarts

„In Zeiten grassierender Irrationalität erinnert Ildikó Enyedi uns daran, dass die Welt wunderschön, geheimnisvoll, vor allem aber erkennbar ist.“ – Radio Eins

„Fast zu schön, um wahr zu sein“ – FAZ Online

„Kinowunder SILENT FRIEND – Wer den Film gesehen hat, geht anders durch Welt und Wald.“ – Die Welt

„Enyedi erzählt in einzigartigen Bildern und mit leisem Humor von der Sehnsucht der Menschen nach Verbundenheit.“ – DPA

„Ein offener, leiser, humorvoller Film“ – Die Zeit

„Reine Kinopoesie!“ – Der Spiegel

„Der Film ist magisch, komisch und überaus sinnlich, kurz: Er ist schon jetzt der Film des Jahres.“ – Hessenschau

Ildiko Enyedi, preisgekrönte und Oscar-nominierte Regisseurin, begann ihre Karriere als Konzept- und Medienkünstlerin. Ihr erster Spielfilm, “Mein 20. Jahrhundert”, gewann in Cannes die Camera d’Or für den besten Erstlingsfilm. “Magic Hunter” wurde 1995 in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig eingeladen – ebenso wie “Tamás and Juli” im Jahr 1997. Ihr Film “Simon the Magician” feierte 1999 seine Weltpremiere im Wettbewerb von Locarno und wurde dort mit der Auszeichnung “Don Quixote Award – Special Mention” bedacht.

Nach einer langen Pause, in der sie Kurzfilme drehte und mit HBO zusammenarbeitete, kehrte Enyedi mit “Körper und Seele” 2017 zurück auf die große Leinwand. Der Film brachte ihr den Goldenen Bären der Berlinale und eine Oscar-Nominierung ein. Eneydis Film “Die Geschichte meiner Frau” lief 2021 in Wettbewerb der internationalen Filmfestspiele von Cannes 2021.

Unter anderem war Enyedi Mitglied der Hauptjury bei den Berlinale-Ausgaben in den Jahren 1990 und 2021 und in Venedig (2018) sowie Jurypräsidentin für den Bereiche Kurzfilme bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2024.

Ildiko Enyedi ist Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences und der European Film Academy.

INTERVIEW MIT ILDIKÓ ENYEDI

Silent Friend greift Themen auf, die bereits in Ihren früheren Filmen eine Rolle gespielt haben: die Möglichkeit der Verbindung mit unsichtbaren Kräften, die Komplexität der Beziehungen zwischen Menschen, der Einfluss der Wissenschaft auf das tägliche Leben …

Meine Absicht war es, Fragen aufzuwerfen und bestimmte, für mich spannende Themen zur weiteren Erforschung in den Fokus zu rücken. Diese Fragen haben sehr viel mit meinem persönlichen Werdegang zu tun – denn all meine Filme sind sehr persönlich.

Ich war in den 70er Jahren ein Teenager. Ich habe zwei bedeutende Jahre in Frankreich verbracht – in Montpellier an der Universität Paul Valéryv, wo ich als Gymnasiastin aus dem Ostblock eine Sondergenehmigung erhielt. Sie können sich vorstellen, wie prägend es für eine 16- bis 17-Jährige war, Teil dieses pulsierenden, intensiven Universitätslebens nach 1968 zu sein. Es war eine Zeit der Neugierde und der Offenheit gegenüber vielen Themen, in der damals die erste große Welle von Experimenten zur Kommunikation von Pflanzen stattfand. Das war für mich äußerst spannend. Natürlich ging man damals vielleicht noch etwas naiv vor, was die Forschung betraf: Aber die Grundhaltung von einst hat bis heute Bestand. Es ist bezeichnend, dass ich mich in jener Zeit, wo so viele Dinge hinterfragt und neu erfunden wurden, statt für politischen Aktivismus für die Neugierde gegenüber anderen Lebensformen entschieden habe. In „Magic Hunter“, meinem zweiten Spielfilm, der in Venedig im Wettbewerb lief, wandle ich über sechshundert Jahre hinweg auf den Spuren eines Eichenbaums. In „Simon the Magician“ löst eine Topfpflanze einen Mordfall. Ich bin keine Person mit einem grünen Daumen, sondern ein Stadtgewächs, das von der Natur isoliert lebt. Ich spüre die Distanz zwischen den Lebewesen und sehne mich nach Verbindung. Ganz ähnlich wie die menschlichen Protagonisten in SILENT FRIEND.

In den Geschichten rund um die drei Hauptfiguren, die sich in verschiedenen Epochen abspielen, dient ein Baum als zentrales Motiv. War der Baum selbst der Ausgangspunkt Ihres Projekts?

Karl Baumgartner, dieser visionäre unabhängige Produzent, der von der gesamten Filmbranche schmerzlich vermisst wird, kam mit der Idee auf mich zu, einen Film über Pflanzen zu drehen. Er wusste aus meinen früheren Filmen, dass ich Pflanzen mit neugierigen Augen betrachte. Als wir mit unserem Projekt begannen, dachte ich sofort an einen Botanischen Garten als zentralen Drehort – nicht an die wilde Natur, sondern an einen von Menschen geschaffenen, künstlichen Lebensraum für Pflanzen. Dem uralten Ginkgobaum inmitten des botanischen Gartens wollte ich drei menschliche Protagonisten gegenüberstellen, die jeder auf seine Weise durch den Kontakt mit der Welt der Pflanzen eine wundersame Veränderung durchleben. So ist der Baum als Symbol zwar von grundlegender Bedeutung für meinen Film – aber der Film SILENT FRIEND wurde ja von Menschen gemacht und wird von ihnen im Kino angesehen und mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Daher sehe ich meinen Film als Einladung für die Zuschauer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Ich würde niemals wagen, jemandem eine Erklärung dafür zu liefern, wie ein Baum die Welt wahrnimmt. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass es sich bei einem Baum um ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmungswelt handelt, die genauso gültig und wichtig ist wie diejenige der Menschen. Wir sind auf dieser Welt nicht das Maß aller Dinge, unsere Wahrnehmung beschreibt die Welt nicht auf eine objektive Art und Weise. Da wir die Grenzen unserer Wahrnehmung nicht überschreiten können, habe ich mich dafür entschieden, durch drei Begegnungen, drei Zusammenstöße, drei unvollkommene und eher unbeholfene Versuche mit der Welt jenseits des menschlich Wahrnehmbaren in Verbindung zu treten. Thomas Nagels berühmte Abhandlung aus dem Jahr 1974 mit dem Titel „What Is It Like to Be a Bat” (Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?) hat mich in dieser Hinsicht sehr beeinflusst. Sie fasst den Ansatz meines Films zusammen. Unser Geist wird durch unseren Körper definiert – und zu akzeptieren, dass es unmöglich ist, in die Wahrnehmungswelt eines anderen Wesens einzutauchen, bedeutet nicht, dass seine Welt nicht existiert.

Silent Friend spielt in drei Epochen: Im Jahre 1908, 1972 und 2020. Drei Protagonisten unterschiedlichen Alters stehen im Zentrum der Geschichte – von einem jungen Studenten bis zu einem erfahrenen Wissenschaftler. War das Ihre Art zu zeigen, wie sich Generationen im Laufe der Zeit weiterentwickeln?

Ja, obwohl ich anstatt einer Entwicklung eher von einer Veränderung sprechen würde. Diese drei verschiedenen Momente in den letzten rund hundert Jahren sollen zeigen, wie sehr und wie schnell sich unser scheinbar unerschütterlich solides Realitätsempfinden verändert. Es wird nicht nur durch unsere Sinne definiert, sondern ist auch ein kulturelles Konstrukt und als solches ziemlich vergänglich. Unsere menschlichen Helden wandeln auf denselben Wegen durch denselben Garten, betreten die Gebäude desselben Campus – aber jede und jeder von ihnen nimmt dabei eine andere Welt wahr. Wenn sie versuchen, sich mit dem Ginkgobaum und den Pflanzen um sie herum zu verbinden, entdecken sie nicht nur verschiedene Pflanzen, sondern auch sich selbst. „Being You“ – ein aktuelles Buch des Neurowissenschaftlers Anil Seth – und seine gesamten Forschungen zum Thema Bewusstsein waren die wichtigste Inspiration für mich bei der Vorbereitung auf meinen Film.

Die Idee der Realität wird hier mit dem Konzept der Zeit verknüpft. Mehr als in Ihren früheren Filmen nutzen Sie dies als dramaturgisches Mittel: Das Tempo der Handlung in der Geschichte um den Neurowissenschaftler ist nicht dasselbe wie das in der Geschichte von Grete, das sich wiederum von dem Erzähltempo derjenigen Episode um Hannes und seine Geranie unterscheidet …

Wir alle haben unsere eigenen starken Erfahrungen mit dem ersten Lockdown gemacht. Die radikale und plötzliche Veränderung dessen, was man als Zeitablauf wahrnimmt, gehört zu den stärksten davon. Der Hauptstrang von SILENT FRIEND, in dem der von Tony Leung Chiu-Wai gespielte Neurowissenschaftler im Zentrum steht, handelt genau von dieser plötzlichen Veränderung seines zeitlichen Rhythmus. Tonys Realitätswahrnehmung innerhalb der monastischen Stille des leeren Uni-Campus gibt ihm die Möglichkeit, sich anderen Zeitwahrnehmungen anzunähern. Der eines Baumes zum Beispiel.

Alice, die Wissenschaftlerin für Pflanzenkommunikation, die von Léa Seydoux gespielt wird, reflektiert in ihrem TED-Vortrag über unsere lächerliche Blindheit gegenüber anderen Zeitrhythmen. Wir halten die Mimosa pudica für eine intelligente Pflanze, weil sie innerhalb unserer menschlichen Wahrnehmung von Zeit agiert. Das ist einem reinen Zufall geschuldet, aber wir sind davon begeistert. Als wäre unsere Lebensform die absolute Norm, an der sich alle anderen Lebewesen orientieren müssen! Für einige Lebensformen mit einem viel schnelleren Tempo erscheinen wir Menschen wahrscheinlich wie unbewegliche Statuen.

Im Vergleich zu Tonys als meditative wahrgenommene Zeit sind Gretes (Luna Wedler) Tage hyperstrukturiert und geprägt von bestimmten Regularien, formalen Gewohnheiten und Ritualen. Ihre Welt ist aktiv, reaktiv, konfliktreich, verbal. Sie findet ihre Freiheit, indem sie die Zeit durch die Fotografie anhält. Ihre Modelle sind dabei die Pflanzen – durch die Schwarz-Weiß-Fotos entdeckt Grete universelle Strukturen des Lebens. Ann Atkins und vor allem Karl Blossfelds Werk waren die Hauptinspiration für Gretes Ansatz, die Welt zu verstehen. Blossfelds Fotos zeigten alltägliche Pflanzen auf eine verblüffende Art und Weise – als hätte man sie noch nie zuvor gesehen.

Hannes (Enzo Brumm), ein junger Student in den 1970er Jahren, wirkt in SILENT FRIEND, als wäre er in einem impressionistischen Gemälde verloren.

Während die Wahl für Gretes Geschichte auf 35-mmSchwarzweiß-Aufnahmen fiel, wählten wir für die Geschichte von Hannes die üppigen, aber ungenauen 16-mm-Aufnahmen, die wir mit der durchdringenden Genauigkeit der digitalen Aufnahmen für die Geschichte von Tony kontrastierten. Die digitalen Aufnahmen spiegeln die Einsamkeit von Tony im Jahr 2020 wider und sollen wie ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Epochen im Film wirken.

Es gibt eine Szene, die sich in Form und Länge stark von den anderen unterscheidet: Gretes Aufnahmeprüfung an der Universität. Darin steht sie einer Gruppe von Professoren gegenüber, allesamt Männer, die sie bevormunden. Es gibt eine große Kluft zwischen diesem Machtgefälle im Jahr 1908 und der beinahe freundschaftlichen Beziehung, die Professor Wong im Jahr 2020 zu Frauen aufbaut. Wollten Sie darauf eingehen, wie sich die Beziehung zwischen Männern und Frauen, sei es in sexueller, sozialer oder politischer Hinsicht, im Laufe eines Jahrhunderts, weiterentwickelt hat?

Das letzte Jahrhundert war ein Jahrhundert des Wandels der Geschlechterrollen. Eine Universität, an der neue und neue Generationen ihr Erwachsenenleben beginnen, ist ein geeigneter Ort, um darüber nachzudenken. Alle drei menschlichen Charaktere sind in ihrer eigenen Zeit verwurzelt. Grete muss in einer rein männlichen Umgebung überleben, die sie als nicht gleichwertig betrachtet. Die Frisuren, die strengen Gewänder, die steril wirkenden Fakultätsgebäude, sogar die kleinen Eisenzäune um die gepflegten Rasenflächen im Botanischen Garten vermitteln ein Gefühl von ewiger Beständigkeit. Allein Gretes Anwesenheit in diesem Umfeld ist eine Rebellion. Neben diesem unfairen Machtspiel zwischen den Professoren und ihr geht es in dieser Szene auch um den Inhalt von Gretes Prüfungsthema selbst – um Karl von Linnés System zur Kategorisierung von Pflanzen nach ihrer Sexualität. Pflanzen vermehren sich nicht nur, sie haben auch eine Sexualität, eine Sinnlichkeit. Dies ist der provokante Gegenstand von Gretes Aufnahmeprüfung und zugleich ein bestimmendes Motiv des gesamten Films.

Gundula (Marlene Burow), die Angebetete unseres schüchternen, introvertierten Hannes, ist in einer weiteren Episode meines Films ein selbstbewusste junge Frau, die die neu gewonnene Freiheit ihrer Zeit voll auskostet – aber auch sie spürt trotz all ihrer Selbstsicherheit, dass sie ihre innere Stärke immer wieder nach außen unter Beweis stellen muss. Auch das Leben auf dem Campus und im Garten ist in den 1970er Jahren plötzlich ganz anders, als zur Jahrhundertwende bei Grete. Im hohen, wild wuchernden Gras philosophieren bunt gekleidete junge Menschen beiderlei Geschlechts mit langen, wild wuchernden Haaren und Bärten über die großen Fragen des Lebens.

Alice, diese junge, aber bereits weltbekannte Wissenschaftlerin, ist für Tony im Jahr 2020 wie eine Mentorin. Die beiden sind gleichberechtigt und werden in ihrem jeweiligen Fachgebiet verehrt, aber Tony begibt sich auf Alices Terrain, wo er selbst ein Anfänger ist. Die jüngere Frau wird zur Mentorin – auf eine entspannte, natürliche Art und Weise. Eine meiner liebsten Szenen von Tony ist diejenige, in der er, nachdem er auf dem geschäftigen deutschen Campus angekommen ist, mit einer Tasse Kaffee in der Hand durch die Fenster der Cafeteria hindurch die Studenten beobachtet, die draußen rauchen und sich unterhalten. Es sind junge Menschen beiderlei Geschlechts und jeder Hautfarbe, die aus fern und nah gekommen sind, um in dieser mittelalterlichen Stadt zu studieren. Ihre ungezwungene, herzliche und lebendige Kommunikation untereinander steht in scharfem Kontrast zum starren Campusleben von 1908.

Der Ginkgobaum, unsere pflanzliche Hauptfigur, ist weiblich. Denn in unserem botanischen Garten gibt es keine männlichen Bäume. Eine einsame Seele also… Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass dieser kleine Hauch von Humor zum Ausdruck kommt, wenn Alice und Tony gemeinsam diesem mehrere Jahrhunderte alten Baum zu seiner ersten „sexuellen Erfahrung“ verhelfen.

Hatte dieser Wunsch nach einer sinnlichen Erfahrung für die Kinozuschauer bei SILENT FRIEND auch einen Einfluss auf die Besetzung?

Ja, aber auch unsere Hauptfigur, der Ginkgobaum, sollte eine ganz besondere Sinnlichkeit mitbringen – wir haben daher drei Ginkgos unterschiedlichen Alters, aber mit einer ähnlichen Form für unseren Film gefunden. Wir haben viel diskutiert und dann viele Tage mit einem kleinen Team und dem Kameramann Gergely Pálos verbracht, um diese elementare, üppige Sinnlichkeit einzufangen und sie auf die Leinwand zu bringen. Wir sind keine ausgebildeten Naturfilmer und haben daher viel über Aufmerksamkeit, Geduld und Wachsamkeit und über die Notwendigkeit, uns an einen anderen Rhythmus anzupassen, gelernt.

Die Haupthandlung ist eine unbeholfene, unsichere Begegnung zweier stiller Wesen: Ein mächtiger Baum trifft auf einen einsamen Wissenschaftler, der voller verborgener Schmerzen, Sehnsucht und Zärtlichkeit ist. Ich habe diese Rolle für Tony Leung geschrieben. Ich brauchte dafür nicht nur den brillanten Schauspieler, sondern auch den Menschen, den ich hinter ihm spürte, als ich einige seiner Interviews sah. Meine Produzenten versuchten mich zu überzeugen, jemand anderen zu finden. Wie sie sagten, ist er sehr wählerisch, lehnt die meisten Angebote ab und hat noch nie einen europäischen Independent-Film gedreht. Ich bin so dankbar, dass er das Risiko eingegangen ist und die Rolle sofort nach dem Lesen des Drehbuchs angenommen hat. Noch dankbarer bin ich dafür, dass er sich mit den tieferen Ebenen des Drehbuchs identifizieren konnte. Bei unserem ersten Zoom-Meeting haben wir nicht über die Rolle gesprochen, sondern über diese verborgenen und für mich so wichtigen Ebenen. Wir haben uns ein halbes Jahr lang gemeinsam vorbereitet und ausgetauscht in Bezug auf die neurowissenschaftlichen Forschungen zum Thema Bewusstsein und auf die Forschung zur Kommunikation zwischen Pflanzen.

Als Spielpartnerin für diesen eigenwilligen Professor brauchte ich jemanden mit einer ebenso starken, charismatischen Präsenz – deshalb habe ich Alice Léa Seydoux für die Rolle angefragt. Ihr Charisma ist so stark, dass es die Einschränkung, nur über Bildschirme mit Tony in Kontakt zu sein, mühelos überwindet. Die jeweilige Isolation, die Tony und Alice in Marburg und Paris erleben, ist das Leitmotiv des Films – allein zu sein und sich nach Verbindung sehnen.

Ich hatte bereits mit Luna Wedler zusammengearbeitet, war begeistert und es war irgendwie selbstverständlich, sie für die Besetzung der Rolle Grete in Betracht zu ziehen. Sie ist eine Naturgewalt, zerbrechlich und robust zugleich, mit einem großartigen Sinn für Humor. Ich sollte ihr irgendwann einmal eine komische Rolle schreiben …

Wir haben fast ein Jahr gebraucht, um den Darsteller Hannes zu finden, mit seinem jungenhaften, tollpatschigen, schlaksigen Charme. Ich bin Nina Haun, der Casting-Direktorin, wirklich dankbar, dass sie Enzo Brumm, diesen jungen, talentierten Schauspieler, entdeckt hat.

Seine Partnerin, die strahlende Marlene Burow, hat ihr großes Talent bereits in mehreren Filmen unter Beweis gestellt. Ihre beeindruckende Präsenz, Kraft, Intelligenz und elementare Sinnlichkeit sagen mehr als jeder Dialog.

Die Besetzung ihres Films mit einem asiatischen Schauspieler, einer französischen und einer Schweizer Schauspielerin und deutschen Schauspielern sowie die Produktion des Films in Deutschland, Ungarn und Frankreich sagen auch etwas über die Universalität dieses Projekts aus…

Es handelt sich um einen überwiegend deutschsprachigen Film, der in einer mittelalterlichen Stadt mit einer mehr als 500 Jahre alten Universität spielt. Die Menschen, die hier studieren oder in den hochmodernen, weltbekannten Labors forschen, sind so außergewöhnlich wie unsere Besetzung – die neben Tony Leung und Léa Seydoux ausschließlich aus deutschen Schauspielern wie Sylvester Groth, Martin Wuttke oder Rainer Bock besteht. Ich möchte ihnen für ihre Großzügigkeit danken, dass sie die Bedeutung dieser Rollen erkannt und verstanden haben, auch wenn es nur wenige Drehtage waren. In unserem Film ist keine Szene vernachlässigbar – daher brauchte ich besonders starke Schauspieler, die eine facettenreiche, vielschichtige Darstellung für eine Rolle mit kurzer Bildschirmpräsenz liefern.

Alle unsere Helden – Pflanzen wie Menschen – sind Außenseiter. Sie sind nicht Teil des Systems – sie sind einsame Seelen. Die Pflanzen eines botanischen Gartens werden aus ihrem eigenen Lebensraum, aus dem reichen Zusammenleben verschiedener Arten, herausgerissen und in diesen fernen Garten gebracht, damit die Menschen sich an ihrem Anblick erfreuen können. Was wir heute über Zoos denken, könnte man auch über botanische Gärten sagen. Aber der Ginkgobaum ist noch einsamer, als die anderen Pflanzen um ihn herum. Er steht inmitten einer Spezies, die ihn fast ausgerottet hätte. Grete ist die einzige Studentin auf einem rein männlichen Campus. Hannes, ein Junge, der von einem Bauernhof kommt, findet seinen Platz in diesem intellektuellen Umfeld nicht. Tony kommt von einem anderen Kontinent. Es geht nicht nur um die Schwierigkeiten, sondern auch um die Freiheit, die Intensität des Alleinseins, des Außenseiterdaseins. Man hat eine größere Chance, etwas Neues zu entdecken, wenn man die Routine der anderen vor Augen hat.

Wo befindet sich dieser schöne Baum und Garten?

Ich habe einen wunderbaren deutschen Ehemann, einen Literaturliebhaber aus Nordrhein-Westfalen, der mir vor 35 Jahren diesen alten, charmanten botanischen Garten mitten in Marburg gezeigt hat. Ich weiß, wie er sich verändert hat, ich kenne bestimmte Bäume darin. Neben dem kleinen Teich in diesem Garten liegt ein riesiger umgestürzter Baumstamm, der heute vielen Insekten und Pilzen als Lebensraum dient. Ich sah ihn wie eine imposante, hoch aufragende Trauerweide, die Schatten auf das Wasser warf.

Wie fühlt es sich am Ende dieses Prozesses an, einen Film über die Bedeutung des Verständnisses der Wissenschaft zu drehen – in einer Zeit, in der die Wissenschaft geradezu bekämpft wird von bestimmten Kräften?

Vielen Dank für diese Frage. Denn SILENT FRIEND soll auch eine Mahnung sein, den wertvollsten und schönsten Aspekt der Menschheit nicht wegzuwerfen, sondern ihn zu verteidigen, zu schützen und zu fördern – nämlich wissenschaftliche Forschung zu respektieren und zu schätzen.

„Zarte Empirie“ – zarter Empirismus. Dieser Begriff Goethes für partizipative Wissenschaft, bei der der Forscher kein gottgleicher objektiver Beobachter ist, sondern ein fester Bestandteil des Experiments, beschreibt am besten, womit sich unsere menschlichen Protagonisten Tony, Grete, Hannes und Gundula beschäftigen. Sie tun dies mit der naiven, leidenschaftlichen Neugier eines echten Wissenschaftlers.

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