Vor klassischen Prüfungen unserer Kenntnisse und Fähigkeiten sind wir aufgeregt. Doch selbst, wenn wir durchfallen, relativieren sich die meisten davon in der Rückschau. Die eigentlich bedeutsamen Prüfungen erlegt das Schicksal auf. Es sind oft Meilensteine im Leben, an denen wir wachsen oder scheitern. Was machen wir da durch?
Unsere vier Autoren im Thementeil des Oktoberhefts haben sich von unterschiedlichen Seiten dem Thema Prüfung genähert:
Mathias Wais wendet sich anhand von zwei sehr unterschiedlichen biographischen Begebenheiten der Frage zu, welche Fähigkeit dazu taugt, dass wir bestehen. Ein extrem streitlustiger Dialog des Prüflings mit einem seiner Prüfer führt wider Erwarten zu einer sehr guten Beurteilung. Als die beiden sich wieder treffen, fällt das entscheidende Wort. Den Prüfer hatte der Streit nicht verwirrt, ihn habe das »herzliche Interesse« des Prüflings überzeugt. Die Mutter eines 17-Jährigen hatte sich entschieden, ihrem in die Punker-Szene abgetauchten Sohn ungefragt 600 km hinterher zu reisen. Sie habe sich einfach dafür interessiert, wie sein jetziges Leben sei. Der Sohn kehrte wenige Wochen später nach Hause zurück. Das herzliche Interesse scheint auch ihn berührt zu haben.
Matti Bormann-Melchinger geht es um die Prüfung des Christentums und konkret auch der Christengemeinschaft, die sich in den Umbrüchen der Moderne nach dem Verhältnis von Form und Leben, nach ihrer Wandelbarkeit fragen lassen muss. Er schreibt dazu unter anderem: Und so ist unsere Gegenwart zwar vielleicht eine Prüfung für den Fortbestand der Christengemeinschaft, und nichts sagt uns, dass wir sie bestehen. Aber wir können, nein, wir müssen unseren Blick wandeln, so wie wir diese Erfahrung in unserer eigenen Seele machen können, und lernen, die Bewegung wahrzunehmen, die sich in der Verwandlung der Form zeigt, die nicht messbar, aber offenbarend ist.
Marianne de Nooij erzählt die schwedische Heldensage »Der blutende Schwan«, von dem armen Rittersohn Botvid, der sich, unermüdlich wiederkehrend, seinen viermaligen Prüfungen stellt. Zum Schluss verweist sie auf die drei unterschiedlichen altgriechischen Worte für »Geduld«, die im Neuen Testament vorkommen. Erstens: hypomone, wörtlich: darunter bleiben, durchhalten; zweitens: makrothymia, wörtlich: Weite der Seele; drittens: anecho, wörtlich: hochhalten. Alle drei findet sie in den Zeilen von Christian Morgenstern wieder: Geduld, du ungeheures Wort, / wer dich erlebt, wer dich begreift, / erlebt hinfort, begreift hinfort, / wie Gottheit schafft, wie Gottheit reift.
Liselore Strijdhorst schreibt über die Prüfungen, die sich durch menschliche Unvollkommenheit fortwährend ergeben – und über den damit verbundenen Schmerz des Suchens und Scheiterns. Ihr Resümee: Es führt kein Weg daran vorbei, sich dem Schmerz zu stellen und darauf zu hoffen, das er selbst zum Instrument des Wandels wird. In freien Versen schreibt sie dazu: Dann bricht mein Herz. / Der Schmerz bricht mein Herz / auf / wie eine Pfingstrose. / Eine ungeahnte Sanftheit / wird spürbar.





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