Es gibt sehr viel unverschuldetes Leid in der Welt. Wie lässt sich dies mit einem »guten« Gott vereinbaren? Für die einen ist das Leid Grund, sich trotz allem an ihn zu halten; für die anderen, sich gerade deshalb von ihm loszusagen, und noch einmal andere berufen sich aufs Karma, das Gott nicht einfach für uns übernehmen kann. – Gibt es hier eine Lösung?
Wo wir ein Leid noch als irgendwie selbstverschuldet denken können – wie etwa den Lungenkrebs bei einem Kettenraucher –, fragen wir Gott nicht nach dem Grund oder warum er dies zuließ. Wir kennen ja die Ursache und verstehen die Wirkung. Aber überall da – und das sind vielleicht die meisten Fälle –, wo es einen Unschuldigen trifft, kommen wir aus dem Takt unseres Weltverständnisses heraus und fragen nach dem Verantwortlichen. Die in unserem Thementeil versammelten Texte suchen hier auf ganz verschiedene Weise eine Annäherung an diese Schwierigkeit. Dass es da keine endgültige Antwort gibt, werden Sie als Leserin oder Leser gewiss schon erwarten. Aber es gibt Verständnishilfen, die das Leid zwar nicht erklären und auflösen, jedoch die Möglichkeit bieten, in der Freiheit des Menschen, in der Begleitung im Leid, in der Erfahrung eines Beziehungs- und Prozesszusammenhangs Wege zu einem trotz allem sinnvollen Leben zu finden.
Was uns bedrückt ist die Ungerechtigkeit des Leids, das Unverdiente. Das ist das Unverständliche, das uns am Sinn des Lebens oder am Göttlichen zweifeln lässt. An dieser Stelle müssen wir aber zugeben, dass uns das im um gekehrten Fall, nämlich dem des unverdienten Wohlergehens kein Problem ist. Wir nennen es Glück, wie das Gegenteil dazu, die »unverdiente« Not, Unglück heißt.
Vielleicht hilft es ein wenig, wenn wir das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das ja dem Theodizeeproblem zugrunde liegt, von einer ganz anderen Seite her angehen, nämlich vom Gebot der Feindesliebe, wie es in der Bergpredigt gegeben ist. Es ist leicht, den Nächsten zu lieben. Jedoch den Feind zu lieben und für die zu bitten, die uns verfolgen, entspricht nicht unserem Gerechtigkeitsgefühl. Gott aber lässt die Sonne über Gerechte und Ungerechte, Gute und Böse gleichermaßen scheinen (Mt 5,45). Auch hier können wir fragen: warum? Ist das nicht ungerecht? – Oder ist es vielleicht mehr als gerecht? In der Bergpredigt ist mit der Feindesliebe die Aufforderung verbunden, ebenso über das hinauszugehen, was uns selbstverständlich ist, wie dies Gott in seiner Offenheit für alle Menschen täglich tut, d.h. über die ökonomische Relation von Leistung und Belohnung hinauszugehen. – Sicher: damit ist die Frage nach dem Warum des Leids nicht gelöst, aber der Blick umgelenkt auf das Außerordentliche der »ungerechten« Verhältnisse in der Hinwendung zu denen, die diese Hinwendung im gewöhnlichen Sinne nicht »verdient« haben. Vielleicht kann das die Not der Theodizeefrage in ein etwas anderes Licht stellen.





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